Mittwoch, September 14, 2011

herzschriftlose.



sie zog das schutzpapier von der klebefläche ab, drückte mir das nasse, kalte kontaktgel mitsamt der klebefläche links und rechts auf die schlüsselbeine, zwei weitere an meinen brustkorb, eins weiter oben als das andere. hier ein kabel, klack!, da ein kabel, klack! da noch zwei. noch ans ladegerät angeschlossen, fertig. mit einem klick! eingeschaltet, dann stille. nichts. kein blinken & kein piepen. nichts. oh, sagt sie & schaut mich groß an. klick klick! aus & noch mal an. aber wieder: nichts. sie fluchte murmelnd vor sich in, entschuldigte sich für die umstände und verließ den raum, während ich weiter auf dem stuhl saß, kabel an mir baumelnd. im flur hörte ich stimmen, rascheln, mehr fluchen. ich sah den raum wieder von oben bis unten an, sah die vielen ordner mit alten aufzeichnungen, fragebögen & studienberichten. kurze zeit später kam sie wieder, zwei andere geräte in der hand, ein paar zusätzliche kabel in der anderen. sie entfernte das erste gerät, legte es beiseite auf einen schreibtisch & schloß zuversichtlich das nächste gerät an. selbes prozedere. doch wieder: nichts. das kann doch nicht sein, sagte sie. drittes gerät. das selbe spiel von vorne. mit dem selben ergebnis: herzschriftlosigkeit. unmöglich, murmelte sie & rief einen kollegen ins zimmer. er probierte auch alle drei geräte. an sich & der jungen frau vor mir, er schloß die drei geräte an den computer an, alles einwandfrei, alle daten einsehbar. sie hatten beide einen herzschlag, ihre herzmuskelfasern arbeiteten anständig, ihre herzen klopften brav im takt. sie tauschten beunruhigt stumme blicke aus. probiern wa jetzt einfach in ruhe nochma, nuschelte er & nahm seiner kollegin das ekg ab, schloss es mir neu an & sagte nichts dabei. sie sagte auch nichts. die junge ärztin und ihr kollege wirkten furchtbar angespannt. ich gab der technik die schuld & wurde nervös. kann nicht sein, dachte ich. oder war wirklich etwas mit mir nicht in ordnung? ich saß hier, atmete ein, atmete aus, roch, sah & hörte meine umgebung, fühlte den stuhl unter mir & auch das sonnelicht, das zum fenster hereinfiel, auf mir. wie es sich gehört. er schaltete das kleine graue gerät erneut ein. kein blinken, kein piepen. er legte seine stirn in falten, nahm meinen linken unterarm und suchte nach einem puls. einen puls, dessen quelle schon für das ekg nicht auffindbar war. es tut mir leid, sagte er. sie haben offenbar kein herz. er ließ mein handgelenk fallen. ich seufzte, zog die kabel & die klebeflächen von meiner haut. aber einen anderen spezialisten sollten sie vielleicht dennoch aufsuchen, sagte sie unsicher & reichte mir ein papiertuch, mit dem ich das gel von meinen schlüsselbeinen & meinem burstkorb wischen konnte. sie wissen schon - nur um sicher zu gehen. ich hielt inne & sah sie vorwurfsvoll an. keinen puls, kein herzrhythmus, nicht ein kleines bisschen beat - nichts. also bitte. & der will ein profi sein? meine blicke sprachen für sich. aber woher sollten die beiden denn wissen, dass sie nicht die ersten waren, die das bei mir bemerkt hatten? sie sagten nichts mehr, als ich mein hemd zurechtzog & mit den schultern zuckte. danke, sagte ich & nahm beim aufstehen meine tasche vom boden. ohne herzspannungskurve verließ ich den raum & sagte erklärt einiges & einen schönen tag noch, als ich die tür hinter mir zuzog & zwei ratlos blickende menschen mit einem verhältnismässig normalem herzrhythmus zurückließ. verhältnismässig normal für jemanden, der gerade einen herzschriftlosen hat laufen & reden sehen. ans leben ohne herz würde ich mich schon gewöhnen - an die verängstigt ratlosen blicke anderer menschen aber nie.

Kommentare:

Christian hat gesagt…

Könnte das beim Amtsarzt später vielleicht ein Problem werden?
Ansonsten würd ich mir in Zukunft für solche Fälle einfach ein Vampir-Gebiss bereit halten!

monsieur hat gesagt…

me gusta. guter ton in der sache, obschon natürlich trauriger inhalt, aber alles in allem: liest sich wundervoll. bitter. mehr davon, gerne & unter umständen: jederzeit.